Retrokatalogisierung und Provenienzforschung an der Wrede-Sammlung

von Katja Burghaus

Abbildung 1: Antiquarische Titel der Wrede-Sammlung (Quelle: Katja Burghaus)

Nachdem die sog. Wrede-Bibliothek des Klassischen Archäologen Walther Wrede (1893-1990) im Jahre 1989 von der Archäologischen Bibliothek gekauft und ins Bibliotheksmagazin verbracht wurde, geriet sie viele Jahrzehnte in Vergessenheit. Kürzlich wurde die Sammlung, die einen Bestand von 90 Büchern umfasste, in ein anderes Magazin verbracht und in diesem Zuge auf ihren Erhaltungszustand überprüft. Dabei stellte sich heraus, dass einige Bücher bereits nicht mehr auffindbar und keine der Titeldaten in den OPAC der Ruhr-Universität Bochum eingepflegt worden waren. Somit besaßen die Antiquaria keinen Nutzen, da sie für die Bibliotheksbenutzer*innen nicht auffindbar und damit nicht zugänglich waren.

Im Rahmen des MALIS-Praxisprojektes wurden die Antiquaria zum ersten Mal untersucht und retrokatalogisiert, um sie für die Fachcommunity sowie für andere Interessente benutzbar zu machen. Die Retrokatalogisierung der Antiquaria wurde deshalb nach gegenwärtigem RDA- Standard mit der Bibliothekssoftware Aleph und Sisis durchgeführt und im Projektbericht detailliert beschrieben.

Da die Sammlerperson Walther Wrede in der Zeit des Nationalsozialismus ein hochrangiges Parteimitglied der NSDAP war und er seine Position zu rechtswidrigen Bücherkäufen hätte missbrauchen können, bestand die Möglichkeit, dass die Sammlung oder zumindest Teile davon, unter den Terminus des NS-Raubgutes fallen könnten. Aus diesem Grund wurden die Antiquaria auf Provenienzmerkmale untersucht, um Hinweisen zur Herkunft der Bücher nachgehen und den Raubgutverdacht entweder erhärten oder entkräften zu können.

An drei beispielhaft ausgewählten Antiquaria mit relevanten Provenienzmerkmalen wurden die Recherchen angewandt. Bei einem Buch könnte es sich möglicherweise um Raubgut aus der Sowjetischen Besatzungszeit in der DDR handeln, das aus dem ursprünglichen Bestand einer Bibliothek herausgelöst und an andere öffentliche Einrichtungen weitergegeben wurde – die infrage kommenden Einrichtungen konnten bislang nicht in allem Umfang eruiert werden. In den nächsten Schritten soll untersucht werden, ob sich der Verdacht des Raubgutes aus der Sowjetischen Besatzungszeit bestätigen lässt oder ob es andere Gründe für die Auflösung des Bestandes der betreffenden Bibliothek gab.

Eine Untersuchung der Aktivitäten Wredes in der Zeit des Nationalsozialismus sowie die Recherchen der Provenienzmerkmale lieferten das vorläufige Ergebnis, das Walther Wrede kein rechtswidriges Verhalten nachgewiesen werden konnte und es sich bei den Antiquaria der Wrede-Sammlung offensichtlich nicht um NS-Raubgut handelt. Dieses Ergebnis kann jedoch nur als Zwischenstand fungieren, da es nicht alle sich ergebenen Fragen beantwortet, denn zahlreiche Hinweise müssen näher geprüft sowie in Bibliotheken und in Archiven vor Ort untersucht werden.

 

Projektzeitraum: April 2021 bis August 2021
Projektbetreuer*in: Prof. Dr. Simone Fühles-Ubach
Kontakt: katja.burghaus@rub.de

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