Retrodigitalisierung einer Graphik-Sammlung im Blickpunkt

von Daniel Theveßen

Abbildung 1: Recherchesituation beim Bestimmen von Exlibris (Quelle: Daniel Theveßen)

Digitalisierungsprojekte sind derzeit in aller Munde. Mehr noch, seitdem die Corona-Pandemie persönliche Besuche von Kunst- und Kulturstätten unmöglich macht, haben sich Kultur-Institutionen entschlossen, ihre Bestände digital im Internet sichtbar zu machen. Neben dem Bestandsschutz, der mit der Digitalisierung von Objekten einhergeht, ist es die Möglichkeit, die Bestände zeitlich entfristet und räumlich entgrenzt sichtbar zu machen, die als Gelegenheit wahrgenommen wird, den öffentlichen digitalen Raum mit kulturellen Inhalten zu füllen. Grundlagen hierfür wurden von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) in den DFG-Praxisregeln „Digitalisierung“ herausgegeben. Doch wie und unter welchen Voraussetzungen werden diese in Nischen-Projekten umgesetzt und implementiert?


Das Beispiel der Retrodigitalisierung der Exlibris-Sammlung Dr. Gernot Blum im Internationalen Exlibris-Zentrum Mönchengladbach (IEZ-MG) wirft einen exemplarischen Blick auf die Struktur eines solchen Projekts. Es beleuchtet gleichzeitig ausschnitthaft den Aufbau der Datenbank unter oben genannten Voraussetzungen. Dabei zeigt sich, dass der vorab bereits existierende Sammlungsaufbau evtl. an veränderte Realitäten und den Digitalisierungsprozess angepasst werden muss, was am Beispiel der Bestände Ex-Jugoslawiens exemplifiziert wird. Da Jugoslawien oder die UDSSR nicht mehr existieren, diese jedoch mitunter in alten Sammlungen räumlich noch auf diese Weise zusammengefasst werden, dient der Digitalisierungsprozess gleichzeitig dazu, Aktualität wiederherzustellen. Es gilt unter anderem mittels Verknüpfungen zwischen physischem und digitalem Objekt Referenzen für die weitere Arbeit mit den Objekten zu erstellen. Hierzu muss ein System entwickelt werden, das es ermöglicht, diejenigen Kunstschaffenden, die aus nicht mehr existierenden Staatengebilden stammen, mit Rekurs auf das ursprüngliche Vorhandensein in neue zu überführen. Das damit einhergehende Problem der Verortung kann durch umfassende Recherche in Fachliteratur, aber mitunter auch durch Internetrecherchen in fachspezifischen Datenbanken zumindest teilweise behoben werden. Da diese, häufig nationalen Künstlerverzeichnisse, jedoch bei weitem nicht alle Künstler und Künstlerinnen beinhalten und diese nach unterschiedlichen Kriterien abgebildet sind, bemüht sich das IEZ-MG mit dem Exlibrisportal eine verlässliche Referenzdatenbank zu entwickeln, deren Informationen – sowohl über Künstler als auch Graphiken – dazu geeignet sind, Forschung und Nachnutzung der recherchierten Informationen transparent zu gewährleisten.
Die Datenbankstruktur und das Erschließungskonzept des IEZ-MG kann deshalb Vorbild für zukünftige Retrodigitalisierungsprojekte dieser Art sein. Damit ist es eine gelungene praktische Umsetzung von Prozessen, die formal in ihren Grundlagen durch die Praxisregeln Digitalisierung der DFG bestimmt sind. Gleichzeitig wird deutlich, dass ein vollständiges internationales, auf einheitlichen Grundlagen basierendes Verzeichnis bildender Kunstschaffenden im Internet derzeit fehlt und viele Informationen, gerade über Kleinkunst-Künstler, durch umfangreiche Literaturrecherche zusammengetragen werden müssen. Doch sind es diese bedingenden Vorarbeiten, die es selbst kleinen Institutionen mit besonderem Bestand ermöglichen, durch ihre Sammlungen Alleinstellungsmerkmale zu etablieren und einen sinnhaften Beitrag zur Unterstützung wissenschaftlichen Arbeitens zu leisten.

Abbildung 2: Künstlerverzeichnis von Andrusko, Karoly in der Exlibris-Datenbank: Darstellung in Faust (Quelle: Daniel Theveßen)
Abbildung 3: Künstlerverzeichnis von Andrusko, Karoly in der Exlibris-Datenbank: Darstellung im Internet (Quelle: Daniel Theveßen)
Abbildung 4: Exlibriseingabemaske – Darstellung in Faust – Bsp. Exlibris von Alfred Cossmann für Hans Bamberger (Quelle: Daniel Theveßen)

 

Projektzeitraum: März 2021 bis September 2021
Projektbetreuer*in: Prof. Dr. Ursula Arning
Kontakt: daniel.thevessen@moenchengladbach.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert