(Re-)Katalogisierung der Altkoreanica aus der Sammlung der Ruhr-Universität Bochum

von Jimi Nam-Osterkamp

Kolophon des Samun sŏnghwi (Dff 20) mit Angabe des Druckjahres und -ortes auf eigener Seite am Werksende

Kolophon des „Samun sŏnghwi“ (Dff 20) mit Angabe des Druckjahres und -ortes auf eigener Seite am Werksende (Foto: Ruhr-Universität)

Bei der Altkoreanica-Sammlung der Bibliothek der Fakultät für Ostasienwissenschaften, Ruhr-Universität Bochum, handelt es sich um 35 Werke in 100 Bänden, die aus dem frühen 18. bis frühen 20. Jh. stammen. Meistenteils wurden sie in den 1960er Jahren zwar inventarisiert, jedoch nur mit einer angesichts der relativen Seltenheit der Werke unan­ge­messen knappen, zumeist unvollständigen Beschreibung.

Im Rahmen des MALIS-Projektes (Betreuerin: Prof. Margarete Payer) wird entsprechend die Erst- bzw. teils Neukatalogisierung dieser Altkoreanica nach heutigen Standards angestrebt. Hierzu wird zuerst der Problemkomplex alter koreanischer Drucke hinsichtlich der Formalkatalogisierung erschlossen sowie eine vergleichende Analyse internationaler Praxisbeispiele durchgeführt.

Neben einem regulären Bestand von etwa 220.000 Bänden verfügt die Bibliothek der Fakultät für Ostasienwissenschaften der Ruhr-Universität Bochum über mehrere Sondersammlungen von teils hohem wissenschaftlichem Wert – hierhin gehört vor allem der Teilnachlass des bedeutenden Arztes und Japanreisenden Philipp Franz von Siebold (1796–1866) sowie seines Sohnes Alexander (1846–1911) –, teilweise zumindest von Seltenheitswert. Letzteres gilt praktisch für alle Sammlungen vormoderner Drucke und Handschriften aus japanischer, koreanischer und mandjurisch-chinesischer Provenienz.

Die Altkoreanica-Sammlung der Bibliothek ist vergleichsweise klein. Es handelt sich um 35 Werke in 100 Bänden in gedruckter bzw. bei sieben Titeln auch handschriftlicher Form, die größtenteils im Jahr 1966 erworben wurden und gesondert in einem Archivraum aufbewahrt werden. Sie entsprechen der Definition der „old and rare books“ der Korean Cataloguing Rules (2003; kurz KCR 4): D.h. sie sind vor 1910 erschienen und in traditioneller Weise gebunden. I.d.R. werden spätere Werke, die ebenfalls in traditioneller Weise gebunden sind, analog behandelt (was auf sechs von 28 Drucken der Bochumer Sammlung zutrifft). Konkret stammen die hier behandelten Drucke – soweit dies bisher überhaupt ermittelbar war – aus dem frühen 18. bis frühen 20. Jahrhundert.

Die meisten Stücke der Sammlung wurden Ende der 1960er Jahre inventarisiert und mit einer angesichts der Seltenheit der Werke unangemessen knappen, zumeist unvollständigen sowie teils fehlerhaften Beschreibung in den damaligen Zettelkatalog aufgenommen. Im Rahmen des MALIS-Projektes wurde entsprechend die Erst- bzw. teilweise Neukatalogisierung der Altkoreanica angestrebt. Der Schwerpunkt lag vorerst darauf, den Problemkomplex alter koreanischer Drucke, der sich bei der Formalkatalogisierung ergibt, zu erarbeiten sowie eine vergleichende Analyse internationaler Praxisbeispiele durchzuführen.

Zur Problematik der Katalogisierung von Altkoreanica

Umschlagsinnenseite des Ŏjŏng Kyujang chŏnun: Schenkungsnotiz aus dem Jahr 1862 (rechts), erste Seite mit dem Siegel der königlichen Bibliothek Koreas (links)

Umschlagsinnenseite des „Ŏjŏng Kyujang chŏnun“: Schenkungsnotiz aus dem Jahr 1862 (rechts), erste Seite mit dem Siegel der königlichen Bibliothek Koreas (links). (Foto: Ruhr-Universität)

Der Problemkomplex, der sich einem bei der Formalerschließung alter koreanischer Drucke stellt, lässt sich in zwei Punkten zusammenzufassen: Zum einen handelt es sich um im Material inhärente Probleme, d.h. also um allgemeine Charakteristika alter Drucke; zum anderen kommt der Umstand hinzu, dass die deutschen Praxisregeln für die Erschließung alter Drucke aus dem ostasiatischem Raum nicht ausreichend sind.

Bei der Katalogisierung stellen sich verschiedene Herausforderungen, die vielfältige Kenntnisse erfordern. Gedruckte koreanische Bücher bis zum 19. Jh. wurden überwiegend in klassischer chinesischer Sprache verfasst. Während der Haupttext i.d.R. in Blockschrift (ch. kaishu) gedruckt ist, die auch der heutigen Druckform im Wesentlichen entspricht und somit vergleichsweise leicht im Umgang ist, verwenden alte Drucke besonders für Paratexte (wie Titelblätter, Vor- und Nachworte oder auch Siegel) nicht selten eine vom Haupttext abweichende Schriftart.

Weiterhin sind explizite Druckangaben bei solchen alten Drucken generell eher selten vorzufinden und werfen oft auch neue Probleme auf, beispielsweise bei Datierungen. Letztlich ist auch ein großes Maß an Variation hinsichtlich der Titelformen, aber auch der Personennamen gegeben, so dass Eindeutigkeit hier nicht immer leicht zu erreichen ist. Hingegen liefern bspw. die Drucktechnik, die Bindungsart, die Textgestaltung usw. wertvolle Hinweise, um unterschiedliche Ausgaben eines Werkes voneinander zu unterscheiden und so präzise zu identifizieren. Vor diesem Hintergrund wurde eine kurze Darstellung über den typischen Aufbau sowie die Charakteristika alter koreanischer Drucke in den Projektbericht aufgenommen.

Microsoft Word - Typischer Aufbau eines Heftes bei alten koreani

Typischer Aufbau eines Heftes bei alten koreanischen Drucken. (Tabelle: Autorin)

Analyse von Praxisbeispielen

Anhand einer Stichprobe von Aufnahmen vor allem von koreanischen und US-amerikanischen Bibliotheken wurden in diesem Projekt Praxisbeispiele analysiert. Hierbei werden auf der Grundlage der KCR 4 einige relevante Punkte dargestellt, bei denen Unterschiede in der Formalerschließung alter Drucke festzustellen sind. Im Wesentlichen betrifft dies die Bereiche der Sachtitel- und Verfasserangabe, des Ausgabe- und Erscheinungsvermerks sowie der physischen Beschreibung.

Titelblatt des Chungjŏng Pangyak happ’yŏn (Dfq 1) in Kanzleischrift mit leicht kursiven Zusätzen.

Titelblatt des „Chungjŏng Pangyak happ’yŏn“ (Dfq 1) in Kanzleischrift mit leicht kursiven Zusätzen. (Foto: Ruhr-Universität)

An verschiedenen US-amerikanischen Universitäten (betrachtet wurden hier vor allem Berkeley, Columbia, Harvard und Yale) wurden in den letzten Jahren mehrere Digitalisierungs- und Erschließungsprojekte für alte koreanische Drucke mit Beteiligung von Fachkräften aus Korea durchgeführt. Die Datenqualität der Katalogisate ist hier entsprechend hoch, die Formalerschließung erfolgt im Großen und Ganzen einheitlich. Zu beobachten ist hier, dass sich die Beschreibung der Werke hinsichtlich der Terminologie nach KCR 4 bzw. KORMARC richtet, im Detail angepasst an das jeweilige Regelwerk (AACR 2 bzw. ISBD).

Da allerdings auch in den USA noch keine expliziten Richtlinien für die Katalogisierung alter koreanischer Drucke existieren, findet man erwartungsgemäß auch unterschiedliche Ansetzungsformen. Beispielsweise sind hinsichtlich der Transkription und Originalschriftlichkeit unterschiedliche Ansätze zu sehen, so dass hier noch Bedarf nach Vereinheitlichung besteht. Für die Haupteintragungen wird durchgehend die sogenannte McCune-Reischauer-Umschrift (die im Wissenschaftsbereich gängigste Umschrift für die koreanische Sprache; siehe hierzu beispielsweise http://en.wikipedia.org/wiki/McCune%E2%80%93Reischauer) verwendet, in Einzelfällen findet sich eine Wiedergabe in koreanischer Schrift oder in der revidierten Romanisierung Südkoreas aus dem Jahr 2000 als zusätzliche Nebeneintragung. Auch die Angaben im Bereich des Ausgabe- und Erscheinungsvermerks fallen unterschiedlich aus. Die Beschreibung der Seitenstruktur, die als wichtiges Charakteristikum alter Drucke anzusehen ist, findet man im Falle der überprüften Universitäten durchgehend nur im Bereich der Fußnoten, während sie in Korea einen zentralen Teil der physischen Beschreibung ausmacht.

Titelblatt des Chŏngŭm t’ongsŏk (Dff 26) mit Angabe des Druckjahres- und ortes in Siegelschrift unten rechts bzw. links

Titelblatt des „Chŏngŭm t’ongsŏk“ (Dff 26) mit Angabe des Druckjahres und -ortes in Siegelschrift unten rechts bzw. links. (Foto: Ruhr-Universität)

Fazit

Dass die bisher vorhandenen Praxisregeln zur CJK-Erfassung für den Bereich jenseits des modernen Publikationswesens Ostasiens nicht hinreichend sind, liegt auf der Hand. Ein Blick auf neuere Katalogisate vormoderner auch etwa chinesischer oder japanischer Werke in Deutschland und die vielen Diskrepanzen, die hier zu beobachten sind, zeigt ferner, dass die Gesamtproblematik sich auf einen weitaus größeren Bereich als nur den hier unmittelbar relevanten erstreckt, also über Korea hinaus geht. Für die Zukunft wäre es somit wünschenswert, wenn sich verbundübergreifend eine Diskussion über die Formalerschließung alter Drucke und Handschriften aus dem ostasiatischen Raum insgesamt anstoßen ließe, so dass auch für diesen recht speziellen Bereich Mindeststandards und eine möglichst einheitliche wie international anschlussfähige Herangehensweise festgelegt werden können. Dabei erscheint es sinnvoll, u.a. auch die Ansetzungen der genannten Universitäten als Beispiele mit entsprechender Qualität und Quantität in Betracht zu ziehen.

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